• Ulli Waldbach

New York, New York

Aktualisiert: 22. Aug. 2021



Es ging alles etwas zäh voran. Nicht nur die Entscheidungsfindung, auch das Ansuchen des Journalisten Visums plus eigener Einreiseerlaubnis (N.I.E.), welches ich brauchte, um momentan überhaupt in die USA einreisen zu können.

Nach langem Ausfüllen teilweiser sehr persönlicher Fragen im Online Formular, kam der letzte Schritt, das Hochladen des Fotos. Doch nie war ein Bild gut genug. Wenn es nicht das Format war, das nicht passte, war es das Licht. Zu viel Schatten hier, zu dunkle Augenringe da. Zusätzlich sollte ich samt diverser Bestätigungen bei der amerikanischen Botschaft in Wien zu einem Termin erscheinen. No problem, dachte ich mir. Falls ich das Visum nicht bekommen sollte, sehe ich wenigstens langvermisste Freude wieder und mache mir eine schöne Zeit. Zu dem vereinbarte ich ein Treffen mit Ida, die nicht nur die Webseite und die Blogbeiträge, sondern auch gerade meinen ersten Roman, Sommerfrische, ins Englische übersetzt. Nachdem wir uns bisher nur per Mail ausgetauscht hatten, wollten wir uns endlich Kennenlernen.

Doch auch bevor ich mich in den Zug nach Wien setzte, dachte ich mir immer wieder: Willst du das wirklich? Sieh dich an, du bist müde, du bist erschöpft, du streckst dich nach über einem halben Jahr Lockdown gerade erst dem regenerierenden Sommer entgegen. Ist jetzt wirklich der geeignete Moment, um nach New York zu reisen, um zwei Interviews direkt zu führen?

Ich war hin und hergerissen. Das ökologische Gewissen schüttelte vehement den Kopf, der Garten rief und lockte mich. Sieh nur, was alles reift und aufblüht.

Familie und Freunde unterstützen mich in der Entscheidungsfindung so gut es ging, von allen Seiten bekam ich Zuspruch.

In Wien angekommen, bekam ich das Visa und das N.I.E sofort ausgestellt wobei Letzteres nur bis Ende Juni gelten sollte. Das Kennenlernen mit Ida war erfrischend, genauso wie das Wiedersehen mit den lieben Freunden. Mein soziales Manko wäre für eine Weile gedeckt gewesen und immer noch war ich unschlüssig.

Wenn etwas innerlich so holprig und zäh vor sich geht, deute ich es normalerweise als Zeichen, ein Unterfangen besser abzubrechen oder zu verschieben.

Denn das Bauchgefühl hat doch immer Recht. Doch meines war verwirrt. Es wachte jeden Tag mit einer anderen Meinung auf. Mal so: „Was für eine tolle Gelegenheit, diese Interviews direkt führen zu können, weder per Zoom, noch per E-Mail sondern mit echten Begegnungen. Überhaupt, New York erleben, während es aufwacht, während die Grenzen für Europa noch gar nicht offen sind. Was für Eindrücke dort warten, was für ein Glück das erleben zu können! “ Dann zählte es wieder alle Gründe dagegen auf und ich verkündete: “Nein, ich bleibe besser hier und fliege im Herbst.“

Mein Mann seufzte und fragte: „Wie lange geht das noch so weiter? Wann entscheidest du dich endlich?“; meine Tochter meinte: “Tu das, was gut für dich ist.“; und mein Sohn raunte: “Mama, mach‘s einfach.“

Die Zeit während des Lockdowns war -wie wohl für alle- nicht immer leicht. Mehr als einmal summte ich während des Staubsaugens „I want to break free“, und oft jammerte ich, dass ich mehr Zeit mit Kochen als mit Texte schreiben oder überarbeiten verbringe.

Dennoch konnte ich mein Rudel nicht so leicht hinterlassen, auch nicht für kurze Zeit. Vielleicht war es eine Art Stockholmsyndrom.

Dann schob ich mein verwirrtes Bauchgefühl zur Seite, erinnerte mich, dass ich bis Herbst meine Interviewsammlung abgeschlossen und überarbeitet haben möchte und entschied mich sehr kurzfristig für die Reise.

Dann ging alles ganz schnell und plötzlich war ich in NYC.

Ich hatte mir vorgenommen, dass ich es langsam angehen würde. Ich gab mir zwei Tage, um anzukommen. So bewegte ich mich durch die Stadt, in der die Meisten schnell sprechen und gehen, wenn nicht rennen, wie in einer anderen Matrix. Ich sog alle Eindrücke wie ein Schwamm auf und wenn es zu viel wurde, dann zog ich mich zurück. Dass nach der langen zurückgezogenen Zeit in einem kleinen österreichischen Dorf die Großstadt teilweise überwältigend sein würde, hatte ich geahnt. Jetzt wusste ich es. Es war nicht mein erster Besuch aber mein erster Besuch alleine in NY.

Vieles hatte sich verändert. Das was ich aus Zeitungen und Berichten wusste, sah ich jetzt. Die Pandemie hat New York stark zugesetzt. Die Stadt wacht gerade erst auf. Viele kleinen Läden bleiben wohl für immer geschlossen, viele Gesichter in der Metro sind auch hinter den Masken von Müdigkeit und Trauer gezeichnet. Manche wirken ein bisschen überfordert und lächeln zugleich versonnen, wenn sie mit Freunden und Familien nach so langer Zeit wieder gemeinsam in Restaurants sitzen.

Die Zahl der Obdachlosen ist enorm gestiegen, viele davon haben nach harten Wintermonaten während der Pandemie auf der Straße sichtlich den Verstand verloren, sprechen wild gestikulierend mit unsichtbaren Gesprächspartnern.

Daran vorbei hetzten gut gekleidete New Yorker, auch laut vor sich hinsprechend aber mit weißen Knopfhörnern im Ohr und Plastikbechern in der Hand.

Die ganze Welt ist müde, das merke ich hier umso mehr. Teilweise chronisch schlechtgelaunte Mitarbeiter des Hotels, einer bekannten Kaffeehauskette, Buchhandlungen und Museen versuchte ich, trotz stündlich sinkendem Frohsinn, nicht persönlich zu nehmen.

Was weiß ich schon, was diese Menschen durchgemacht haben?

Also schob ich meinen privilegierten, weißen Hintern weiter durch die Stadt und versuchte weiter Eindrücke zu sammeln, ohne sie zu werten.

Als ich aus der Metrostation der 24th Street herauskam und mich in Chelsea wiederfand, atmete ich jedoch innerlich auf.

In manchen Gegenden war ich sichtlich zu schlecht gekleidet, zu alt, zu dick, zu langsam, zu was auch immer, was so manche kurzen, taxierenden Blicke bewiesen. Aber das Gute in New York ist, man kann sein was und wie man will, da es jedem grundsätzlich komplett egal ist.

Aber hier in Chelsea fühle ich mich immer wohler als sonst wo in der Stadt.

An diesem Tag war ich um drei Uhr mit Guy (www.missguy.com) in einem Diner, dem Chelsea Square verabredet und hatte genug Zeit mitgebracht. Wehmütig schlenderte ich am legendären Chelsea Hotel vorbei, der Ort an dem mein Mann und ich bei unserm ersten NY Besuch abgestiegen waren und welches seit 2011 immer noch renoviert wird.

Auch im Chelsea Square erinnerte ich mich schon einmal gewesen zu sein und freute mich, als Guy durch die Tür spaziert kam und mich sofort an sich drückte.

Wir plauderten drauflos und plötzlich waren zwei Stunden vergangen. Obwohl wir es ob des hohen Lärmpegels immer wieder anhalten mussten, konnte ich ein wunderschönes Interview aufnehmen. Das Treffen mit ihm füllte mein müdes Herz mit Freude und als ich über die Highline Richtung Hudson spazierte, dachte ich darüber nach, dass es eine gute Entscheidung gewesen war, hergekommen zu sein. Per Zoom wäre so ein Gespräch nie entstanden.

Zwei Tage später traf ich Donna Ferrato (www.donnaferrato.com) in TriBeCa.

Sie hatte den Termin erst verschoben und mich dann zum Frühstück bei sich zuhause eingeladen. Von neun bis halb elf habe sie Zeit, danach müsse sie weiterarbeiten. Ich wurde herzlich begrüßt und auch gleich ihrer Tochter, ihrem Enkelsohn und ihren Katzen vorgestellt.

Auch bei ihr ergab sich sofort ein intensives Gespräch und nach einer Weile schlug sie vor, gemeinsam um die Ecke ein Frühstück besorgen zu gehen. Doch die Zeit verging so schnell und so winkte ich dankend ab. Sie schmierte ein paar Marmeladebrote, ihre Tochter stellte uns eine Kanne Kaffee hin und wir begannen mit dem Interview. Donna hat viel zu sagen, sie beantwortete meine Fragen eine ganze Stunde lang. Viel später als ursprünglich geplant, verabschiedete ich mich. Donna meinte, es wäre kein Problem, dieses Gespräch wäre wichtiger gewesen. Und es stimmt: diese Begegnung wird mir in lebhafter Erinnerung bleiben.

Die letzten Tage meines Aufenthalts verbrachte ich weiter damit durch die Stadt zu wandern und Eindrücke zu sammeln. Das Schöne, Lebendige sowie das Unbequeme, Traurige, und alles, was dazwischenliegt.

Zuhause angekommen, weiß ich bestimmt: Es war gut, dass ich mich der Anstrengung gestellt habe, die Komfortzone verlassen habe und gerade jetzt alleine nach NY gereist bin.

Viele Bilder, Begegnungen, besondere Interviews und spannende Erlebnisse später, bin ich voll und ganz bereit. Der Sommer kann kommen.

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