• Ulli Waldbach

Aktualisiert: 26. Okt.




Vor kurzem hat mich mein Telefon daran erinnert, wo ich vor drei Jahren war.

Fotos von leuchtend gelben Büschen, roter Erde, verwunschenen Wegen und ein unfassbar weiter Himmel tanzten an mir vorbei und ich war sofort wieder dort.

In Santa Fe, New Mexico, im Land der Verzauberung.

Mit der Teilnahme am Schreibkurs von Milena Moser an diesem besonderen Ort ging ein lang gehegter Traum in Erfüllung und wenn ich heute durch die Bilder scrolle, gesellt sich zu den Erinnerungen ein verzücktes Lächeln.

Dabei ging es mir bei der Ankunft nicht besonders gut. Beim Fertigstellen meines zweiten Roman hatte ich einige Federn gelassen. Die intensive Endphase hatte nicht nur zu einer tiefsitzenden Erschöpfung geführt, sondern auch meinen Bandscheibenvorfall gereizt. Zudem lebte ich während der Zeit sehr zurückgezogen und konnte mir nur schwer vorstellen, eine ganze Woche mit einer völlig unbekannten Schreibgruppe mitten in der Wüste zu verbringen.

Innerlich unrund aber mit einem großzügigen Vorrat an Ibuprofen und Infrarotpflaster im Gepäck humpelte ich in Santa Fe zum vereinbarten Treffpunkt. Ich erinnerte mich daran, wie privilegiert ich als weiße Frau aus Europa war überhaupt hier zu sein, fragte mich, was aus der langgehegten Vorfreude geworden war, gleichzeitig konnte ich kaum fassen, meinen Koffer tatsächlich durch diesen magischen Ort zu rollen. Auf der Plaza baumelten Büschel voll Chilischoten in der Oktobersonne und der Himmel dahinter schien blauer als sonst wo. Es wirkte surreal, wie in einem Traum, aber in einem Guten.

Tatsächlich wurde ab dem Zeitpunkt ein Füllhorn mit Glück über mich geleert. Nach den vorhergehenden bitteren Monaten sog ich es auf wie ein weggeworfener Schwamm den Regen nach einer Dürre. Die Landschaft von New Mexico lud mit ihrem weiten Horizont ein, es ihr gleichzutun und der Kurs brachte frischen Wind unter die Schreibflügel. Die Sorge um die Gruppe war schnell weggeblasen, die Stimmung war von Beginn an entspannt. Wunderschöne Freundschaften sind dort entstanden und ich wurde nicht nur damit beschert, sondern ich bekam, wie Milena sofort feststellte, „ein Geschenk der Schreibgötter“, nämlich eine neue Romanfigur. Zum ersten Mal zeigte sie sich in der erfrischenden Schreibübung: „schildere ein Familienfest aus der Sicht eines Gegenstandes“. Später tauchte sie auch in all den anderen Übungen immer wieder auf. Begeistert drückte ich sie an mein Herz und nahm sie mit. Denn nach einer beschwingten Abschlussfeier, vielen Umarmungen und Austauschen von Adressen, ging es weiter nach San Francisco.

Im Koffer direkt neben den Infrarotpflastern wartete ein Fragebogen auf seinen Einsatz. Ich hatte ihn vor der Abreise vorbereitet und ihm die Überschrift. „Glücksforschung“ verpasst. Mein Plan war, mich in meiner geliebten Stadt ein wenig treiben zu lassen und dort spontan Frauen, die einen resilienten Eindruck auf mich machten zu fragen, ob ich sie denn interviewen dürfte. Die Idee dahinter war und ist, dadurch verschiedene Portraits, Geschichten und Momente zu sammeln, um in einer wettbewerbsgierigen und konsumorientierten Zeit ein anderes Bild von Frauen entstehen zu lassen, als das von den Medien und sozialen Medien verzerrte, welches der jüngeren Generation so hartnäckig suggeriert wird.

„Real life shit“, und davon richtig viel sollte es werden. Das war der Plan und die Geburtsstunde des Interviewprojektes.

Wieder zuhause machte ich mit der Unbeschwertheit eines Eichhörnchens weiter und verschickte sporadisch Anfragen. Wenige Monate darauf begann die weltweite Achterbahnfahrt. Interessanterweise hat sich durch den einen oder anderen Lockdown auch die eine oder andere Tür geöffnet, die sonst verschlossen geblieben wäre. Menschen, die sonst zu beschäftigt gewesen wären, hatten plötzlich Zeit, sich mit dem Fragebogen auseinanderzusetzen.

Diese drei Jahren waren eine Reise für sich und es sind unzählige spannende Dinge und Begegnungen passiert. Der Erfahrungsschatz rund um die Kommunikation mit Fremden hat sich verdreifacht und auch die eigene Resilienz gestärkt. Dass Schweigen das neue Nein ist, ist offensichtlich nicht nur in der Verlagswelt so. Dort ist es üblich, dass man sich für die Einsendung eines Manuskripts keine Antwort erwarten sollte. Wenn man nach drei bis spätestens sechs Monaten keine bekommt, ist dies einer Absage gleichzustellen.

Ich habe nicht mitgezählt, wieviel Anfragen ich in den letzten drei Jahren verschickt habe, aber es waren Berge. Manche haben zuerst begeistert zugesagt, sich dann aber nie wieder zurückgemeldet. Einmal bot ein alter Freund an, sich als mein „Assistent Benjamin“ auszugeben, um so die eine oder andere Rückmeldung zu bekommen. Manchmal wollte wochenlang keine Türe aufgehen, dann landete wieder ein Füllhorn voll Glück auf dem Schreibtisch. Die Glücksforschung hat mich auch selbst beglückt denn während dieser Zeit sind auch hier wundervolle Freundschaften entstanden.

Es war ein spannender Prozess und jede einzelne Teilnehmerin hat mit ihrer Einzigartigkeit zu dieser wundervollen Sammlung beigetragen. Jetzt kommt die Zeit, das Ganze abzuschließen und die Nüsschen zu zählen. Denn das Eichhörnchen lehnt zerzaust am Baumstamm und rutscht langsam daran herunter. Somit steht fest, mit Ende des Monats werden keine neuen Anfragen mehr verschickt. Dafür beginnt der nächste Schritt. Es wird alles zusammengefügt, teilweise übersetzt und lektoriert, um dann als schönes Buch in die Welt zu flattern.

Was aus der Romanfigur aus Santa Fe geworden ist? Eine gute Frage.

Sie hört mittlerweile auf den Namen Frances und zeigt einen starken Überlebenswillen, denn sie hatte es nicht leicht mit mir. Ihrer Hartnäckigkeit sei Dank, gibt es dennoch genug Puzzlestücke, die einladen, ein ganzes Bild herstellen zu wollen.

Das nächste größere Schreibprojekt, ein Roman, ist somit wieder aufgenommen.

Eine neue Reise beginnt.





  • Ulli Waldbach


Mai? Mai! Die Zeit vergeht wie im Flug aber Hurra, endlich ist der Frühling da. Die Tage sind länger und wo man nur hinsieht, blüht, surrt, zwitschert und duftet es.

Wenn man hier am Land aus dem Fenster sieht, stellt man fest: Es ist Wachswetter. Einmal umgedreht und der Baum, der eben noch blühte, hat seine Blüten abgeworfen und sich dafür in ein knietsch grünes Blätterkleid gehüllt. Die Wildkräuter sind plötzlich kniehoch und Pflanzen, die man für immer erfroren geglaubt hat, kriechen doch noch mutig aus der Erde.

Auch beim Interview Projekt findet momentan ein Wachstumsschub statt.

Nachdem ich beschlossen und verkündet hatte, es abzuschließen, meldete sich das Bauchgefühl zu Wort. „Warte noch ein bisschen.“, meinte es.

Na gut, dann warten wir eben noch ein bisschen. Rennt nichts davon, dachte ich mir. Ich lehnte mich zurück, tippte den unsichtbaren Cowgirlhut aus der Stirn, schob den müden Hinterkopf in die verschränkten Hände, überkreuzte die imaginären Stiefel auf dem Schreibtisch, und beobachtete den Bussard dabei, wie er Kreise übers Feld zog.

Ich entspannte mich. Und dann passierte genau das, was immer passiert, wenn ich mich entspanne. Ich bekam neue Einfälle und Ideen. Fäden warfen sich von einem Punkt zum anderen und zogen so weiter herum.

Das Netz, das sich durch die Arbeit an diesem Projekt wie von selbst zu weben scheint, erhielt durch diese Entscheidung zu warten, mehr Raum.

Denn wie der Zufall so will, bekam ich ungefähr zur selben Zeit ein Mail von Pam aus Kalifornien. Neben meiner, war oben noch eine weitere Mailadresse angeführt. Der Inhalt lautete kurz und knackig: „Sie macht auch ein Buch über Frauen. Sprecht miteinander!“

Nachdem ich den Namen der Kollegin herausgefunden hatte, schrieb ich sie an und erfuhr so mehr über Nitza Agam, die das Buch The Lemon Tree, eine Sammlung von Essays und Kunstwerken von Frauen aus ihrem Umfeld, herausgebracht hat. Neugierig geworden, bestellte ich das Buch und noch bevor es im Briefkasten landete, begannen wir, uns regelmäßig per E-Mail über unsere Projekte und Leben auszutauschen. Wir stellten spannende Parallelen fest und bald wusste ich, dass es schön wäre, sie für mein Projekt zu gewinnen. Ich fragte sie, und sie sagte, zu meinem Entzücken, trotz vollgepacktem Terminkalender, zu.

Seit längerem visualisiere ich regelmäßig, wie ich nicht nur Pauline, sondern auch den Teilnehmerinnen ihre Exemplare persönlich überreiche. Diese Vorstellung gibt mir in erschöpften Momenten den nötigen Antrieb, an der Umsetzung weiterzuarbeiten. Zudem hat oben genannte Pam großzügiger weise vorgeschlagen, in ihrer Boutique Successories in Pacifica, südlich von San Francisco, eine Buchparty zu schmeißen.Wann immer das sein wird, ich freue mich schon darauf. Auch weil ich viele liebe Menschen wiedersehen und spätesten dort Nitza persönlich kennenlernen werde.

Eine weitere Teilnehmerin aus Kalifornien hat sich zum Projekt dazugesellt. Nachdem ich Gas Station Etiquette von Iris Berry aus L.A. gelesen hatte, war für mich klar, dass ich sie gerne dabeihätte. Ich schrieb sie an und zu meiner Freude sagte sie zu. Wir vereinbarten ein Zoom Gespräch an einem Sonntagvormittag in Los Angeles, bzw. Abend in Meiningen Downtown. An diesem Tag fühlte ich mich kränklich und müde. Ich hatte Hals- und Kopfschmerzen und ein bisschen Fieber. Am liebsten hätte ich den Nachmittag und Abend mit einer Mütze Schlaf verbracht. Doch so kurzfristig abzusagen, schien mir unhöflich. Außerdem hatte ich mich sehr auf das Gespräch gefreut und dass Iris sich an einem Sonntag Zeit dafür nahm, bedeutete mir viel. Aufgefüllt mit Tee und Paracetamol setzte ich mich vor den Bildschirm. Sobald ich mit Iris ins Gespräch kam, vergaß ich meine Zipperleins.Sie ist Autorin und Verlegerin bei Punk Hostage Press und ihr Glück über diese Gemeinschaft an Schriftstellern, die sich dort gebildet hat und sich gegenseitig nährt und unterstützt, steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Auch die Freude, Menschen zusammen zu bringen und zu vernetzen. An der Stelle fand ich mich wieder und sagte ihr das auch. Wir waren uns einig. Obwohl oder gerade, weil das Schreiben sehr viele einsame Stunden mit sich bringt, kommen Schreib- und andere Projekte erst durch die Zusammenarbeit, den Austausch, das Miteinander ans Tageslicht.

Noch den Nachklang des schönen Interviews im Ohr tragend, rückte der rote Faden, der durch dieses Gespräch nochmals an Leuchtkraft gewann, ein Stück weiter in den Vordergrund.

Sobald dieses Buch veröffentlicht ist, werden sich sowohl die Teilnehmerinnen untereinander als auch die Leserinnen mit den Interviewten vernetzen können- sei es nur durch Ideen und Haltungen, die Inspiration schenken können.

Das ist das Feuer, welches diesem Heißluftballon hier den Antrieb gibt.

Und so schlenkert auch der Frust, dass es nicht, wie ursprünglich geplant, zum 21. Geburtstag meiner Tochter fertig wurde, in den Hintergrund.

Aufs Bauchgefühl zu hören und das Ganze noch ein bisschen wachsen zu lassen hat sich jetzt schon bewährt. Ein paar wenige Anfragen sind noch im Äther und es wird sich zeigen, was sein soll und was nicht.

Bis es so weit ist, bewundere ich, was das Wachswetter im Mai alles zustande bringt.














  • Ulli Waldbach

Aktualisiert: 15. März



Endlich ein neuer Blogbeitrag.

Die letzten Monate habe ich an mehreren Entwürfen geschrieben, und sie allesamt verworfen. Warum? Weil das Leben anders verlaufen ist, als geplant. Ziele, die ich mir gesteckt hatte, wurden über den Haufen geworfen. Diese Erfahrung hat wohl jeder in den letzten zwei Jahren gemacht, und so fühle ich mich damit nicht wirklich alleine.

Das ist nichts Neues und obwohl ich mich nicht daran gewöhnen mag, habe ich gelernt, dass geringerer Widerstand gegen unveränderbare Umstände zur Schadensbegrenzung beiträgt.

Meine Arbeit an den verschiedenen Schreibprojekten, war, wenn ich die letzten Monate zurückblicke, wahrlich nicht mit einem Spaziergang am Strand zu vergleichen.

Es fühlte sich eher an, als wäre ich versehentlich auf einem zu steilen Wanderweg über der Waldgrenze mit kaputtem Knie und zu schwerem Gepäck gelandet. Mit kaltem Wind im Gesicht und durch aufziehende Nebelschwaden, welche die Sicht auf den schmalen Weg vor mir behinderten, stapfend. Mit einem Troll, der über dem Weg liegendem Felsvorsprung stehend in unregelmäßigen Abständen Felsbrocken herunterwarf. Ich wünschte mich an einen warmen Ort, was aber herzlich wenig brachte, musste ich mich auf den nächsten Schritt konzentrieren oder einem herunterfallenden Felsbrocken ausweichen, um mich dann weiter zu tasten.

Ich kann auch jetzt nicht behaupten, dass ich den Troll in die Furcht geschlagen und eine mit vierblättrigem Klee gesäumte Blumenwiese erreicht habe. Es ist noch nicht wirklich leichter geworden. Aber die Sicht ist momentan frei, also gehe ich ein Stück weiter.

Das Interviewprojekt ist in der Endphase, das heißt, ich verschicke keine neuen Anfragen mehr, sondern arbeite an der Struktur, den Steckbriefen, schreibe am Vorwort. Es ist eine wunderschöne Sammlung von Frauen Portraits geworden und ich freue mich darauf, jeder Teilnehmerin und natürlich meiner Tochter Pauline, welcher das Projekt gewidmet ist, ein Exemplar zu überreichen.

Um ein Gegengewicht zu dieser Arbeit des Sammelns und Sortierens, die eher der Tätigkeit eines Eichhörnchens gleicht, herzustellen, schreibe ich täglich an neuen Geschichten.

Da ist ein weiterer Roman und Ideen rund um die Feenepisoden, die aufploppen und aufgeschrieben werden wollen.

Eines ist klar, wie ein Bergsee. Die Angewohnheit, jeden Tag zu schreiben bringt und wird mich auch durch unbequeme Phasen und durch Zeiten, in der Zweifel und Frust allgegenwärtig sind, bringen. Wenn wieder etwas passiert, was ein längeres Sitzen am Schreibtisch verhindert. Wenn parallel dazu keine Tür aufgeht, keine erhofften Antworten eintrudeln und Anderen ähnliches leicht von der Hand zu gehen scheint. Wenn einfach nichts läuft, wie geplant. Wenn man sich fragt, warum man überhaupt etwas geplant hat. Und natürlich, wenn‘s läuft, wie geschmiert (hallo Universum, hörst du mich?).

Das tägliche kreative Schreiben nährt entstehende Geschichten, es verleiht Romanfiguren neue Facetten, es erschafft Figuren, Szenen, ganze Welten. Man verreist, ohne das Haus zu verlassen. Für mich immer noch die beste Möglichkeit, mit Lockdowns und Quarantäne zurecht zu kommen.

Vor allem macht das tägliche Schreiben eines. Es macht trittsicher.

Eine tröstliche Eigenschaft, wenn man schon zu weit gekommen ist, um wieder umzudrehen oder aufzugeben.

Blumenwiese, ich komme.

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