• Ulli Waldbach


Mai? Mai! Die Zeit vergeht wie im Flug aber Hurra, endlich ist der Frühling da. Die Tage sind länger und wo man nur hinsieht, blüht, surrt, zwitschert und duftet es.

Wenn man hier am Land aus dem Fenster sieht, stellt man fest: Es ist Wachswetter. Einmal umgedreht und der Baum, der eben noch blühte, hat seine Blüten abgeworfen und sich dafür in ein knietsch grünes Blätterkleid gehüllt. Die Wildkräuter sind plötzlich kniehoch und Pflanzen, die man für immer erfroren geglaubt hat, kriechen doch noch mutig aus der Erde.

Auch beim Interview Projekt findet momentan ein Wachstumsschub statt.

Nachdem ich beschlossen und verkündet hatte, es abzuschließen, meldete sich das Bauchgefühl zu Wort. „Warte noch ein bisschen.“, meinte es.

Na gut, dann warten wir eben noch ein bisschen. Rennt nichts davon, dachte ich mir. Ich lehnte mich zurück, tippte den unsichtbaren Cowgirlhut aus der Stirn, schob den müden Hinterkopf in die verschränkten Hände, überkreuzte die imaginären Stiefel auf dem Schreibtisch, und beobachtete den Bussard dabei, wie er Kreise übers Feld zog.

Ich entspannte mich. Und dann passierte genau das, was immer passiert, wenn ich mich entspanne. Ich bekam neue Einfälle und Ideen. Fäden warfen sich von einem Punkt zum anderen und zogen so weiter herum.

Das Netz, das sich durch die Arbeit an diesem Projekt wie von selbst zu weben scheint, erhielt durch diese Entscheidung zu warten, mehr Raum.

Denn wie der Zufall so will, bekam ich ungefähr zur selben Zeit ein Mail von Pam aus Kalifornien. Neben meiner, war oben noch eine weitere Mailadresse angeführt. Der Inhalt lautete kurz und knackig: „Sie macht auch ein Buch über Frauen. Sprecht miteinander!“

Nachdem ich den Namen der Kollegin herausgefunden hatte, schrieb ich sie an und erfuhr so mehr über Nitza Agam, die das Buch The Lemon Tree, eine Sammlung von Essays und Kunstwerken von Frauen aus ihrem Umfeld, herausgebracht hat. Neugierig geworden, bestellte ich das Buch und noch bevor es im Briefkasten landete, begannen wir, uns regelmäßig per E-Mail über unsere Projekte und Leben auszutauschen. Wir stellten spannende Parallelen fest und bald wusste ich, dass es schön wäre, sie für mein Projekt zu gewinnen. Ich fragte sie, und sie sagte, zu meinem Entzücken, trotz vollgepacktem Terminkalender, zu.

Seit längerem visualisiere ich regelmäßig, wie ich nicht nur Pauline, sondern auch den Teilnehmerinnen ihre Exemplare persönlich überreiche. Diese Vorstellung gibt mir in erschöpften Momenten den nötigen Antrieb, an der Umsetzung weiterzuarbeiten. Zudem hat oben genannte Pam großzügiger weise vorgeschlagen, in ihrer Boutique Successories in Pacifica, südlich von San Francisco, eine Buchparty zu schmeißen.Wann immer das sein wird, ich freue mich schon darauf. Auch weil ich viele liebe Menschen wiedersehen und spätesten dort Nitza persönlich kennenlernen werde.

Eine weitere Teilnehmerin aus Kalifornien hat sich zum Projekt dazugesellt. Nachdem ich Gas Station Etiquette von Iris Berry aus L.A. gelesen hatte, war für mich klar, dass ich sie gerne dabeihätte. Ich schrieb sie an und zu meiner Freude sagte sie zu. Wir vereinbarten ein Zoom Gespräch an einem Sonntagvormittag in Los Angeles, bzw. Abend in Meiningen Downtown. An diesem Tag fühlte ich mich kränklich und müde. Ich hatte Hals- und Kopfschmerzen und ein bisschen Fieber. Am liebsten hätte ich den Nachmittag und Abend mit einer Mütze Schlaf verbracht. Doch so kurzfristig abzusagen, schien mir unhöflich. Außerdem hatte ich mich sehr auf das Gespräch gefreut und dass Iris sich an einem Sonntag Zeit dafür nahm, bedeutete mir viel. Aufgefüllt mit Tee und Paracetamol setzte ich mich vor den Bildschirm. Sobald ich mit Iris ins Gespräch kam, vergaß ich meine Zipperleins.Sie ist Autorin und Verlegerin bei Punk Hostage Press und ihr Glück über diese Gemeinschaft an Schriftstellern, die sich dort gebildet hat und sich gegenseitig nährt und unterstützt, steht ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Auch die Freude, Menschen zusammen zu bringen und zu vernetzen. An der Stelle fand ich mich wieder und sagte ihr das auch. Wir waren uns einig. Obwohl oder gerade, weil das Schreiben sehr viele einsame Stunden mit sich bringt, kommen Schreib- und andere Projekte erst durch die Zusammenarbeit, den Austausch, das Miteinander ans Tageslicht.

Noch den Nachklang des schönen Interviews im Ohr tragend, rückte der rote Faden, der durch dieses Gespräch nochmals an Leuchtkraft gewann, ein Stück weiter in den Vordergrund.

Sobald dieses Buch veröffentlicht ist, werden sich sowohl die Teilnehmerinnen untereinander als auch die Leserinnen mit den Interviewten vernetzen können- sei es nur durch Ideen und Haltungen, die Inspiration schenken können.

Das ist das Feuer, welches diesem Heißluftballon hier den Antrieb gibt.

Und so schlenkert auch der Frust, dass es nicht, wie ursprünglich geplant, zum 21. Geburtstag meiner Tochter fertig wurde, in den Hintergrund.

Aufs Bauchgefühl zu hören und das Ganze noch ein bisschen wachsen zu lassen hat sich jetzt schon bewährt. Ein paar wenige Anfragen sind noch im Äther und es wird sich zeigen, was sein soll und was nicht.

Bis es so weit ist, bewundere ich, was das Wachswetter im Mai alles zustande bringt.














  • Ulli Waldbach

Aktualisiert: 15. März



Endlich ein neuer Blogbeitrag.

Die letzten Monate habe ich an mehreren Entwürfen geschrieben, und sie allesamt verworfen. Warum? Weil das Leben anders verlaufen ist, als geplant. Ziele, die ich mir gesteckt hatte, wurden über den Haufen geworfen. Diese Erfahrung hat wohl jeder in den letzten zwei Jahren gemacht, und so fühle ich mich damit nicht wirklich alleine.

Das ist nichts Neues und obwohl ich mich nicht daran gewöhnen mag, habe ich gelernt, dass geringerer Widerstand gegen unveränderbare Umstände zur Schadensbegrenzung beiträgt.

Meine Arbeit an den verschiedenen Schreibprojekten, war, wenn ich die letzten Monate zurückblicke, wahrlich nicht mit einem Spaziergang am Strand zu vergleichen.

Es fühlte sich eher an, als wäre ich versehentlich auf einem zu steilen Wanderweg über der Waldgrenze mit kaputtem Knie und zu schwerem Gepäck gelandet. Mit kaltem Wind im Gesicht und durch aufziehende Nebelschwaden, welche die Sicht auf den schmalen Weg vor mir behinderten, stapfend. Mit einem Troll, der über dem Weg liegendem Felsvorsprung stehend in unregelmäßigen Abständen Felsbrocken herunterwarf. Ich wünschte mich an einen warmen Ort, was aber herzlich wenig brachte, musste ich mich auf den nächsten Schritt konzentrieren oder einem herunterfallenden Felsbrocken ausweichen, um mich dann weiter zu tasten.

Ich kann auch jetzt nicht behaupten, dass ich den Troll in die Furcht geschlagen und eine mit vierblättrigem Klee gesäumte Blumenwiese erreicht habe. Es ist noch nicht wirklich leichter geworden. Aber die Sicht ist momentan frei, also gehe ich ein Stück weiter.

Das Interviewprojekt ist in der Endphase, das heißt, ich verschicke keine neuen Anfragen mehr, sondern arbeite an der Struktur, den Steckbriefen, schreibe am Vorwort. Es ist eine wunderschöne Sammlung von Frauen Portraits geworden und ich freue mich darauf, jeder Teilnehmerin und natürlich meiner Tochter Pauline, welcher das Projekt gewidmet ist, ein Exemplar zu überreichen.

Um ein Gegengewicht zu dieser Arbeit des Sammelns und Sortierens, die eher der Tätigkeit eines Eichhörnchens gleicht, herzustellen, schreibe ich täglich an neuen Geschichten.

Da ist ein weiterer Roman und Ideen rund um die Feenepisoden, die aufploppen und aufgeschrieben werden wollen.

Eines ist klar, wie ein Bergsee. Die Angewohnheit, jeden Tag zu schreiben bringt und wird mich auch durch unbequeme Phasen und durch Zeiten, in der Zweifel und Frust allgegenwärtig sind, bringen. Wenn wieder etwas passiert, was ein längeres Sitzen am Schreibtisch verhindert. Wenn parallel dazu keine Tür aufgeht, keine erhofften Antworten eintrudeln und Anderen ähnliches leicht von der Hand zu gehen scheint. Wenn einfach nichts läuft, wie geplant. Wenn man sich fragt, warum man überhaupt etwas geplant hat. Und natürlich, wenn‘s läuft, wie geschmiert (hallo Universum, hörst du mich?).

Das tägliche kreative Schreiben nährt entstehende Geschichten, es verleiht Romanfiguren neue Facetten, es erschafft Figuren, Szenen, ganze Welten. Man verreist, ohne das Haus zu verlassen. Für mich immer noch die beste Möglichkeit, mit Lockdowns und Quarantäne zurecht zu kommen.

Vor allem macht das tägliche Schreiben eines. Es macht trittsicher.

Eine tröstliche Eigenschaft, wenn man schon zu weit gekommen ist, um wieder umzudrehen oder aufzugeben.

Blumenwiese, ich komme.

  • Ulli Waldbach


Vor kurzem ging ein Traum in Erfüllung.

Es waren sogar mehrere Träume, die sich zusammengetan haben, um gemeinsam einen Umhang von Freude, Zufall und Spaß zu weben, ein bisschen Magie einzusticken, um ihn dann mit Schwung auf mich zu werfen. Zumindest fühlt es sich so an.

Da so manches davon mit meinen Schreibprojekten zu tun hat und sich zudem in letzter Zeit Geschichten, Begegnungen und Ereignisse miteinander verknüpfen und manchmal sogar Sinn ergeben, möchte ich hier darüber schreiben.

England hat seit meiner Kindheit einen fixen Platz in meinem Herzen.

Grund dafür sind zum einen Bücher. Ich las alles, was ich von Enid Blyton in die Finger bekommen konnte und folgte später dem Vorbild meiner Mutter und älteren Schwester und griff zu britischen Krimis, die sich, gerade in Kombination mit Tee und Keksen, tatsächlich besonders gut lasen. Zum anderen tat die Musik das ihre dazu. Ich rannte mit Kate Bush den Hügel hoch, versprach ihr und Peter Gabriel nicht aufzugeben, schlug zu Stevie Nicks tanzend das Tamburin und erklärte meiner Familie laut mitsingend, dass ich wie Cindy Lauper ein Mädchen war, dass im Grunde nur Spaß haben wollte. Als Kind in den Achtzigern klebte ich ständig am Radio, saugte auf, was der lausige Lokalsender hergab und nahm auf Kassette auf, was mir gefiel. Ich verstand nur weniger als die Hälfte von dem was da gesungen wurde, und meine Übersetzungsversuche machten mich nicht schlauer. Den Zeigefinger über der Pausetaste schwebend, schrieb ich auf was ich zu hören glaubte und übersetzte diese Sätze dann mit meinem Schulwörterbuch. Die Ergebnisse waren verwirrend, trübten aber meine Begeisterung für britische Musik nicht im Geringsten. Monthy Python‘s Humor trug mich durch die Turbulenzen der Teenager Jahre und so festigte sich mein illustres, buntes Bild von England.

Im Nachhinein betrachtet, wundert es mich ein Wenig, dass ich erst später im Leben nach England kam, aber so ist es eben.

Hier in Österreich beschert mir die Tageszeitung „The Guardian“ tägliche Einblicke nach UK. Gerade durch die Zeit der verschiedenen Lockdowns hat sie mich mit so manchem Beitrag gefesselt.

Eines dunklen Tages las ich einen Artikel über Giffords Circus, der mich sofort faszinierte. Ich folgte deren Seite auf Instagram, wo im März die Rückkehr von Nancy Trotter Landry zum Zirkus angekündigt wurde. Dazu wurde auf einen Bericht auf der Webseite hingewiesen.

Der Artikel war von Nell Gifford, der Gründerin des Zirkus geschrieben, ursprünglich im Herbst 2018 im Backstage Magazin erschienen und handelte von ihrer Freundschaft.

Wie ich später erfuhr, starb Nell 2019 mit nur 46 Jahren an den Folgen ihrer Krebserkrankung. Sie hinterließ ihre Zwillinge, Red und Cyril, Familie und Freunde und ihren Zirkus, den sie aufgebaut und sich schon als Kind erträumt hatte.

Das ging mir sehr nahe. Wohl weil ich im selben Alter und auch Mutter von zwei Kindern bin. Auch, weil ich weiß wie es sich anfühlt, wenn ein geliebter Mensch an Krebs erkrankt, was dieser Weg mit dieser Krankheit alles mitbringt und wie es ist, wenn dieser geliebte Mensch daran stirbt.

Unabhängig davon weiß ich auch wie es ist, wenn die beste Freundin stirbt.

Krebs. Tod. Waisen. Hinterbliebene. Ein Zirkus, dessen Zukunft so kurz nach dem Verlust der Gründerin durch eine Pandemie gefährdet war.

Das war viel für mein Herz.

Es war angeknackst und das obwohl ich zuvor noch nie von Nell und von Giffords Circus gehört hatte. Aus den Berichten, die ich daraufhin las, lernte ich, dass er sich in England längst einen Namen gemacht hatte. Berühmtheiten wie Elisabeth Gilbert, Vivienne Westwood, Phoebe Waller-Bridge, Hugh Grant sind begeisterte Fans. Helena Bonham Carter war eine langjährige Freundin von Nell und teilte in einem Nachruf persönliche Erinnerungen mit ihr.

Bei „Zirkus“ und noch dazu bei solch einem Einzigartigen, klingeln bei mir die Glocken der Resonanz. Ich weiß, ich bin damit ein wandelndes Klichee aber seit Kindheitstagen spielt der Gedanke, mit dem Zirkus davonrennen zu wollen immer wieder eine Rolle. Mit ungefähr zehn Jahren freundete ich mich mit den Kindern vom Zirkus, der bei uns im Dorf zu Gast war, an. In der Zeit, in der ich nicht mit ihnen rund ums Zelt und in ihrem Wohnwagen verbrachte, übte ich mich in einen Karton zu verknoten. Die Enttäuschung, als der Zirkus ohne mich weitergereist ist, bleibt mir noch in lebhafter Erinnerung. Zu einem Leben in der Bohème bin ich dann doch noch gekommen, aber das ist eine andere Geschichte.

Der Artikel den Nell über ihre Freundschaft mit Nancy geschrieben hatte, rührte mich zutiefst. Sie erzählt darin, wie sie als Teenager zum Zirkus gekommen war, wie sie alle anfallenden, auch unangenehme Aufgaben ohne zu Jammern übernommen hatte.

Dass Nancy nach ihrer zweijährigen Ausbildung in der berühmten „Ecole de Theatre Jaques Le Coq“ zurück nach England kam, für Film, Theater arbeitete und mit ihrem „Cirque de Legumes“ durch Amerika tourte. Auch kreierte sie eine Four-Part Tragedy, eine solo Version von Faust, die von ihrem Clown erzählt wurde.

Nells Freude war groß, als Nancys zum Zirkus zurückkam. Ausführlich beschreibt sie ihre vielen Talente wie Singen, Tanzen, ihre Clownacts, unterstreicht ihr Durchhaltevermögen und ihre Umgänglichkeit, ihren Humor und ihre Spaßbereitschaft. Wie sie ihre Wohnwägen immer nebeneinander aufstellen ließen, wie sie gemeinsam Kostüme kreierten oder einfach in der Sonne lagen oder zusammen malten.

Sie schrieb über ihre Präsenz während ihrer Krebserkrankung, ihren Umgang damit, ihre Unterstützung.

Nachdem ich den Artikel gelesen hatte, wusste ich: Ich musste Nancy kennenlernen.

Ich kontaktierte den Zirkus, erklärte mein Interviewprojekt und bekam kurz darauf Nancys Emailadresse. Ich schrieb ihr über den Artikel, mein Projekt und fragte sie, ob sie mitmachen würde. Sie sagte zu, woraufhin ich ein Freudentänzchen in meiner Küche aufs Parkett legte.

Sie entschied sich die Fragen schreibend zu beantworten, meinte aber auch: „Wir sollten reden!“

Es flogen sporadisch ein paar Mails hin und her und gegen Ende dieses Sommers, vereinbarten wir ein Interview per Zoom.

Da Nancy, die dieses Jahr ihre zehnte Show mit Giffords bestritt, hatte schon eine beachtliche Anzahl an Auftritten hinter sich, und noch einige vor sich, wirkte verständlicherweise müde, war aber guten Mutes. Wir verstanden uns sofort blendend und schon zu Beginn des Interviews merkte ich, dass die Gefahr groß war, ihre kostbare Pausenzeit zu verkürzen, würde ich auf jede ihrer Antworten reagieren, was mir dann wohl auch ab und an passierte.

Mir fiel sofort auf, wie reflektiert und ernsthaft Nancy meine Fragen nahm und beantwortete, wie bescheiden sie war. Sie suchte nach Notizen, die sie sich gemacht hatte, Antworten die sie schon aufgeschrieben hatte, aber nicht mehr fand. Wir vereinbarten, dass ich ihr das transkribierte Interview schicken würde, damit sie es durchlesen und gegebenen falls ergänzen könnte.

Den ganzen Sommer warf ich regelmäßig Blicke auf www.giffordscircus.com, die Tickets für die „Hooley Show“ waren aber schnell ausverkauft. Abgesehen davon, dass unsere Familie schon ziemlich verplant war, war die Einreise nach UK nicht einfach.

Doch ich wollte diese Show unbedingt sehen. Ich wusste, sie handelt von Feen und als Person, die Feen Geschichten schreibt, war ich neugierig.

Zudem hatte ich gelesen, dass sich Nell diese Geschichte noch vor ihrem Tod ausgedacht und zusammen mit dem Direktor Cal Mc Crystal geplant hatte. Sie wurde von ihm in 21. Zirkusjahr kreiert und von ihrer Zirkusfamilie umgesetzt. „The Hooley“ wurde Nell gewidmet.

Kurz vor dem Zoomtermin mit Nancy hatte ich gelesen, dass noch weitere Shows hinzugefügt worden waren. Und zwar im Headquater vom Zirkus, auf Fennels Farm, in der Nähe von Stroud, in der wunderschönen Cotswolds Gegend.

Zu meiner Überraschung gab es für das letzte Wochenende Anfang Oktober noch Tickets.

Mein Mann und Komplize in allen Abenteuern und ich waren uns einig, dass wir diese Gelegenheit nutzen mussten. Als ich Nancy dann per Zoom damit überraschte, war die Freude groß. Bald würden wir uns sehen, hurra!

Kurz vor unserem Abflug schrieb ich ihr, wie versprochen, wo unser B&B sein würde. Kurz darauf trudelte eine Nachricht ein. Zufälligerweise liege unsere Unterkunft genau in der Nähe ihres Elternhauses. So lud sie uns für unseren Ankunftstag zum Mittagessen bei ihrer Mutter Susie ein. Wir freuten und sehr und notierten die Adresse.

Als wir dann vor dem in einem pittoresken Weiler eingenestelten Haus ihrer Eltern ankamen, wurden wir von Nancy, Susie und ihrem Hund Peppy sehr herzlich empfangen.

Wir folgten ihnen in die Küche und fühlten uns sofort wohl.

Mit dem liebevollen Umgang zwischen Nancy und ihrer Mutter breitete sich sofort eine Atmosphäre aus, die zur Entspannung den Humor herbeilockte und bald waren wir bei Tee und darauffolgendem, köstlichen Mittagessen in angeregte Gespräche verwickelt.

Susie fragte mich, wie ich auf das Interviewprojekt gekommen bin. Vor allem wollte sie wissen, was ich da genau von ihrer Tochter wollte und wie das Ganze aussehen sollte. Mit noch etwas eingerostetem Englisch berichtete ich von meiner Idee, den Anfängen, über die Arbeit an dem Projekt während der Pandemie, wie ich über den Artikel von Nell gestolpert bin und daraufhin Nancy kontaktiert hatte. Irgendwann meinte diese.

„Ich wusste schon bevor wir uns treffen würden, dass wir uns gut verstehen würden.“ Ich lachte und staunte dabei, denn genau dasselbe hatte ich selbst eben erst zuhause verkündet.

Den Kaffee tranken wir im hellen Wohnzimmer, das mit Büchern und Kunstwerken ausgestattet, ungezwungene Heimeligkeit ausstrahlte. Peppy streckte sich zum Kaminfeuer und damit auch ein Stückchen in Richtung der Schokolade in Nancys Hand, die damit gestikulierend einen Satz unterstrich.

Susie schenkte mir Blumensamen einer ihr unbekannten neu angesiedelten Schönheit aus ihrem Garten. Selig fühlte ich mich, und ein bisschen wie in einem britischen Roman.

Da Nancy für die Nachmittagsvorstellung zurück zum Zirkus musste, verabredeten wir uns für nach der Abendvorstellung, die wir besuchen würden.

Sie wollte mit uns in ihr Lieblingspub fahren. Wir waren begeistert.

Das Zirkusgelände würde schlammig sein, meinte Susie beim Aufbruch und überreichte uns ihre Gummistiefel und die von ihrem Mann. Gerührt von so viel Freundlichkeit, bedankten uns und versprachen, sie am nächsten Tag zurückzubringen.

Als wir abends vor dem hellbeleuchteten Zirkuszelt standen und die rundherum aufgestellten, traditionell gehaltenen Wagen bewunderten, fielen schon die ersten Funken Magie von Giffords Circus auf uns. Doch erst als wir in das Zelt traten, wurden wir so richtig verzaubert.

„The Hooley“ begann. Mit aufgerissenen Augen sahen wir uns immer wieder an, nicht wirklich glauben könnend, was hier mit uns geschah. Wir hielten uns die Bäuche vor Lachen, staunten, klatschten, waren hin und weg, wurden wieder zu Kinder.

Die Stimmung war von Beginn an grandios und nur zu gerne ließen wir uns mitreißen. Ich staunte über Nancys vielen Talente und konnte sie nicht mehr mit der bescheidenen, ernsthaften Person, die ich interviewt hatte, verbinden. Als eine der drei Feen begeisterte sie das Publikum singend, tanzend und mit einem beeindruckendem Hoop Auftritt. Bei ihren Einlagen zusammen mit Tweedy dem Clown wackelte das ganze Zirkuszelt vor Lachen. Einmal hatte ich kurz das Bedürfnis, den netten Herrn neben mir, einem zwei Meter großem Riesen, in die Seite zu stubsen, auf Nancy zu zeigen und damit anzugeben, dass ich sie kenne. Doch abgesehen davon, dass dafür vor lauter Begeisterung und Staunen keine Zeit war, war der Gute ständig von Lachsalven gebeutelt und deswegen nicht wirklich ansprechbar.

Ich war so stolz auf sie, so tauschte ich eben mit meinem Mann immer wieder kurz nickend bedeutungsvolle Blicke aus. Wir ließen uns im wahrsten Sinne von „The Hooley“ verzaubern. Von der Akrobatik der kubanischen Artisten und den Trapezkünstlern, den irischen Tänzern, den Künstlern, die mit den Pferden, Tauben und Hunden Unglaubliches vorführten und damit auch zeigten, wie respektvoll die Tiere behandelt werden. Das Spiel der Lichter, die Kostüme und die irische live Musik der Band trugen zur Magie der Vorstellung bei.

Besonders berührend war der Moment, an dem sich die gesamte Truppe umdrehte, um sich vor Nells Pferd zu verneigen. Ich hätte schwören können, ihre Präsenz zu spüren und ich dachte mir: Nell Gifford, die ihren Kindheitstraum vom Zirkus verwirklicht hat, sich „The Hooley“ noch vor ihrem Tod ausgedacht hat, ist bestimmt sehr stolz auf ihre Zirkusfamilie.

Wie das so ist mit den schönen Momenten, sie vergehen viel zu schnell.

Als wir aus dem Zelt wieder unter den Sternenhimmel traten, waren wir uns sofort einig. Wir konnten uns nicht erinnern, jemals so etwas Besonderes erlebt zu haben.

Aufgeregt tauschten wir uns über alles was wir gesehen hatten aus und trotteten dabei zum verabreden Ort, wo wir Nancy treffen wollten.

Kurz darauf stand sie umgezogen aber noch geschminkt, also voller Feenglitzer im Gesicht, vor uns. Wir gratulierten ihr zu ihrem Auftritt, was sie fröhlich aber bescheiden annahm. Sie hatte uns noch vor Beginn der Vorstellung Plätze in der vordersten Reihe reserviert, leider hatten es ihre Anrufe nicht durch das Funkloch geschafft. Gleich wollte sie wissen, wo unsere Plätze waren und ob sie wohl gut waren.

Schon flitzten wir mit ihrem Auto Richtung „Woolpack Pub“.

Sie zeigte auf das Slad Tal zu unserer Rechten, dessen Schönheit sie unterstrich, welches aber leider völlig im Dunkeln lag. Der Dichter Laurie Lee hatte seine Kindheitserinnerungen von der Gegend in einer Geschichte „Cider with Rosie“, festgehalten. Auch war er Stammgast in diesem Pub, erzählte uns Nancy, während sie mit beeindruckendem Fahrstil unser Ziel ansteuerte.

Sie hatte nicht zu viel versprochen. Es war noch besser, als wir uns erhofft hatten.

Woolpack Pub ist eine Mischung aus Orten unserer Jugend, die es nicht mehr gibt und dem, was wir bei uns zuhause vermissen. Urig, heimelig und voll gepackt mit nett wirkenden, bunt zusammengewürfelten Menschen. Zudem schmeckte das lokale Ale sehr gut.

Nancy wurde von allen Seiten begrüßt und angesprochen. Da saß sie und strahlte alle an, der Glitzer im Gesicht schien ihre Freude zu unterstreichen. Mir fiel auf, dass sie niemand darauf ansprach oder blöde Witze machte. Im Nebenraum stand ein Klavier, eine Trompete und eine Gitarre, die herzhaft von den Gästen benutzt wurden. Immer wieder tönte es zu uns herüber, manchmal klang es ganz passabel, manchmal schreckten wir auf und ich musste an laute aber glücklich spielende Kinder denken. Wir steckten die Köpfe wieder zusammen und fielen zurück in unsere Gespräche. Auch sprachen wir Nancy auf ihre beeindruckende Stimme an und sie erzählte uns, dass sie in verschiedenen Bands sang und auch eigene Texte schreibt.

Ich gestand ihr, dass ich sie ein bisschen um ihren schönen Glitzer im Gesicht beneidete. Sofort schabte sie sich etwas davon ab und strich es mir auf meine Hand. Glücklich klatschte ich ihn mir auf die Wangen und so redeten wir weiter und weiter, lauschten unseren jeweiligen Geschichten, kamen auf unglaubliche Parallelen, besprachen unfassbare Zufälle.

Leider fielen wir auch in ein Zeitloch und erinnerten uns dann aber doch, dass sie an den kommenden zwei Tagen ihre letzten Vorstellungen hatte und davon drei pro Tag. Am Sonntag nach der Vorstellung würde gefeiert werden und am Montag würden alle gemeinsam das Zelt abbauen und später in die verschiedenen Richtungen davonfahren.

Beim Aufbruch fragten wir sie, wie sie das denn schaffte, immer und immer wieder aufzutreten, von April bis Oktober, mit diesem Einsatz. Wir staunten nicht schlecht und wussten nicht, wie das möglich war. Nancy meinte, dass wenn man gelangweilt auf die Uhr schauen und sich fragen würde wie lange das noch geht, könne man das nicht machen. Sie lebt jeden einzelnen Moment voll und ganz. Wenn sie tanzt, dann tanzt sie, wenn sie singt, dann singt sie. Sie ist eine Buddha- Zirkusartistin, dachte ich mir beeindruckt.

Auf der Fahrt zurück zum Zirkus, wo unser Auto stand, fuhr Nancy, um mir eine Freude zu machen, extra durch ein schönes Stück Wald. Trotz der Dunkelheit, konnte ich die bezaubernden, knorrigen Bäume ausmachen. Sie zeigte uns, wo sie als Kind mit ihren Freunden in ihrem Baumhaus mit Kastanien bewaffnet vorbeifahrenden Autos auflauerte. Sofort hatte ich das Bild von Enid Blytons fünf Freunde im Kopf.

Es war sehr spät, als wir beim Zirkus ankamen, mein Gewissen war nicht das beste. Wir entschuldigten uns, sie so lange aufgehalten zu haben. Doch Nancy lachte nur und winkte ab. Beim Abschied vereinbarten wir ein Wiedersehen, vielleicht in Österreich. Dass wir in Kontakt bleiben würden, war klar.

Als wir am nächsten Tag die Gummistiefel zurückbrachten, hing ein Säckchen an der Tür. Nancy hatte ihre Mutter darum gebeten, uns das Original Backstage Magazin vom Herbst 2018 herzurichten, die Ausgabe mit dem Artikel, der uns hergeführt hat.

Wieder zuhause, klebt der Glitzer, den Nancy mit mir geteilt hat, längst nicht mehr in meinem Gesicht. Auf ein Wiedersehen freue ich mzt schon, denn wir haben noch viel zu bereden. Der Nachklang von dieser besonderen Begegnung umhüllt mich noch wie ein unsichtbarer Umhang und um es wie Nell zu sagen:

„Ich schätze mich sehr, sehr glücklich, Nancy kennengelernt zu haben.“

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